KGV Theklaer Höhe e.V.
Verfasst am 25.10.2026 um 12:15 Uhr

Was unter unseren Gartenwegen verborgen lag

Bild: -msp


Auf den Spuren der Eutritzscher Ziegelwerke – ein Stück Leipziger Industriegeschichte im KGV Theklaer Höhe e. V.


Manchmal schreibt die Geschichte ihre Geschichten an Orten, an denen man sie am wenigsten erwartet. Nicht in einem Museum, nicht in einem alten Fabrikgebäude und auch nicht in einer historischen Ausstellung, sondern direkt unter unseren Füßen.


Bei den aktuellen Arbeiten zur Erneuerung unserer Gartenwege im Kleingärtnerverein Theklaer Höhe e. V. in Leipzig kam ein bemerkenswerter Fund zum Vorschein: Unter der bisherigen Wegedecke lag eine etwa 15 bis 20 Zentimeter starke, zusammenhängende Schicht aus alten, rot gebrannten Ziegeln. Einige der Bruchstücke tragen noch heute einen eingeprägten Schriftzug: Eutritzscher Ziegelwerke.


Was zunächst wie gewöhnlicher Bauschutt aussieht, eröffnet einen Blick in die Geschichte der Leipziger Industrie, des Bauwesens und des praktischen Umgangs mit Baustoffen vergangener Generationen.


Eutritzsch – vom Dorf zum Industriestandort

Im 19. Jahrhundert befand sich Leipzig in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Die Stadt wuchs, neue Verkehrsverbindungen entstanden, Wohnraum wurde benötigt und immer mehr Gewerbe- und Industriebetriebe siedelten sich in und um Leipzig an.


Auch das nördlich gelegene Eutritzsch entwickelte sich in dieser Zeit vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einem Standort mit wachsender gewerblicher und industrieller Bedeutung. Die Eutritzscher Ziegelwerke nahmen im Jahr 1861 ihre Produktion auf. Weitere Betriebe folgten in den darauffolgenden Jahrzehnten. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden neue Wohngebäude, Fabriken und Infrastrukturen. 1890 wurde Eutritzsch schließlich nach Leipzig eingemeindet.


Die Ziegelwerke gehörten damit zu jener industriellen Entwicklung, die das Leipziger Umland im 19. Jahrhundert nachhaltig veränderte.

Ziegel waren damals ein unverzichtbarer Baustoff. Sie wurden für Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude, Fabriken und zahlreiche weitere Bauwerke benötigt. Aus Ton oder Lehm geformt, getrocknet und gebrannt, ließen sie sich dauerhaft verwenden und vergleichsweise gut transportieren.

Der Stempel auf unseren Fundstücken macht deutlich: Diese Ziegel wurden einst in einem Leipziger Betrieb hergestellt. Sie sind damit greifbare Zeugnisse regionaler Industriegeschichte.


Wie aus Ton ein Baustoff wurde

Die Herstellung von Ziegeln war lange Zeit ein arbeitsintensiver Prozess. Der Rohstoff wurde gewonnen, aufbereitet, in Formen gebracht und zunächst getrocknet. Anschließend wurden die Rohlinge in Öfen gebrannt. Je nach Herstellungsverfahren, Brenntemperatur und Zusammensetzung des Materials entstanden Ziegel mit unterschiedlichen Eigenschaften und Farben.


Mit der Industrialisierung wurden die Herstellungsverfahren zunehmend mechanisiert. Die steigende Nachfrage nach Baumaterialien führte dazu, dass Ziegeleien für den regionalen Bauboom eine wichtige Rolle spielten.


Auch im Leipziger Umland gab es zahlreiche Standorte der Ton- und Ziegelindustrie. Die heute noch dokumentierte historische Ziegelei Erbs in Pegau zeigt beispielsweise, wie Ziegel für den regionalen Markt hergestellt wurden und welche Bedeutung dieser Wirtschaftszweig für die Baugeschichte der Region hatte.


Wie lange die Eutritzscher Ziegelwerke produzierten, welche Mengen sie herstellten und wann genau die auf unserem Vereinsgelände gefundenen Ziegel gebrannt wurden, ist bislang nicht geklärt. Nach Recherchen wurde die Fabrik bereits 1930 wieder geschlossen.


Warum liegen die Ziegel unter unseren Gartenwegen?

Besonders aufschlussreich ist die Art, wie die Ziegel gefunden wurden. Sie lagen nicht vereinzelt im Erdreich und auch nicht nur an einer Stelle. Vielmehr bildeten sie unmittelbar unter der alten Wegedecke eine zusammenhängende Schicht von etwa 15 bis 20 Zentimetern Stärke.

Das spricht deutlich dafür, dass das Material gezielt als Unterbau verwendet wurde.


Beim Wegebau früherer Jahrzehnte standen häufig andere Anforderungen und Möglichkeiten im Vordergrund als bei heutigen Bauprojekten. Vorhandene Baustoffe wurden möglichst sinnvoll weiterverwendet. Beschädigte Ziegel, Dachziegel und anderes mineralisches Abbruchmaterial konnten zerkleinert und als Untergrund für Wege oder Hofflächen eingebaut werden.


Dafür gab es gute praktische Gründe:


  • Stabilität: Eine ausreichend verdichtete Schicht aus geeignetem Ziegelbruch kann die Belastung durch Fußgänger, Schubkarren und andere Nutzungen verteilen.
  • Wiederverwendung: Material, das andernorts nicht mehr gebraucht wurde, konnte erneut eingesetzt werden, statt vollständig entsorgt zu werden.
  • Wirtschaftlichkeit: Vorhandenes Material konnte Kosten für neue Baustoffe und deren Transport reduzieren.
  • Bodenbefestigung: Ein mineralischer Unterbau konnte dazu beitragen, dass die Wegedecke weniger unmittelbar mit dem gewachsenen Boden in Berührung kam.


Auch heute ist die Wiederverwendung geeigneter mineralischer Baustoffe ein wichtiges Thema. Allerdings hängt ihre Eignung stets von Materialqualität, Körnung, Verdichtung und dem gesamten Wegeaufbau ab.


Ob unsere Ziegelschicht ursprünglich eigens für den Wegebau hergestellt wurde oder aus dem Abbruch anderer Gebäude stammt, lässt sich nicht mehr sicher feststellen. Der Fund zeigt jedoch, dass bei einer früheren Baumaßnahme eine erhebliche Menge dieses Materials gezielt eingebaut wurde.


Wie alt ist unser historischer Wegeunterbau?

Unser Kleingärtnerverein wurde 1974 gegründet. Damit stellt sich eine spannende Frage: Wurden die Ziegel bereits beim ursprünglichen Ausbau der Wege verwendet, oder stammen sie aus einer späteren Sanierung?


Der Herstellungsstempel liefert einen Hinweis auf die Herkunft, aber kein verlässliches Datum für den Einbau. Um diese Frage zu beantworten, wären alte Bauunterlagen, Fotografien, Erinnerungen langjähriger Pächter oder weitere historische Quellen hilfreich. Vielleicht erinnert sich jemand noch daran, wann einzelne Wege erstmals befestigt oder grundlegend erneuert wurden. Solche persönlichen Erinnerungen können einen wichtigen Beitrag zur Vereinschronik leisten.


Nachhaltigkeit ist manchmal älter, als wir denken

Der Fund führt uns auch zu einem Gedanken, der heute aktueller ist denn je: zur Wiederverwendung von Materialien.

Was früher häufig aus wirtschaftlicher Notwendigkeit oder praktischer Vernunft geschah, wird heute unter Begriffen wie Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und nachhaltiges Bauen diskutiert.


Unsere Vorgänger haben offenbar Material genutzt, das bereits vorhanden war. Statt es ungenutzt liegen zu lassen, wurde es in eine neue Funktion überführt. Ein alter Ziegel, der vielleicht einst Bestandteil eines Gebäudes war, konnte so zum Teil eines Gartenweges werden.

Das bedeutet nicht, dass historische Bauweisen grundsätzlich besser oder nachhaltiger waren als heutige Verfahren. Es zeigt aber, dass die Idee, Materialien möglichst lange zu nutzen, keine neue Erfindung ist.


Ein kleines Stück Leipzig unter unseren Füßen

Die Erneuerung unserer Wege dient heute vor allem dazu, die Anlage für die kommenden Jahre zu erhalten und ihre Nutzbarkeit zu verbessern. Gleichzeitig hat uns der Blick unter die alte Wegedecke eine kleine Entdeckung beschert.


Die gestempelten Ziegel verbinden unseren Gartenverein mit einem Leipziger Industriezweig, dessen Geschichte bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Sie erinnern daran, dass selbst unscheinbare Materialien Geschichten erzählen können – über die Entwicklung unserer Stadt, über frühere Bautechniken und über den Alltag der Menschen, die vor uns hier gewirkt haben.


Vielleicht werden die alten Ziegel nicht mehr als tragende Schicht unter unseren erneuerten Wegen dienen. Einige ausgewählte Fundstücke mit gut lesbarem Stempel könnten jedoch einen anderen Platz bekommen: als kleines Zeugnis der Geschichte unserer Anlage.


Denn manchmal muss man erst den alten Weg freilegen, um ein Stück Vergangenheit wiederzuentdecken.


Eine Entdeckung beim Wegebau des KGV Theklaer Höhe e. V. in Leipzig – und ein Anlass, die Geschichte unserer Gartenanlage weiterzuschreiben.